Das Gegenteil von zeitnaher Berichterstattung

Wohl jeder kennt den vorweihnachtlichen Zeitstrudel, der einen erfasst und immer mehr beschleunigt bis man zu Weihnachten dessen Zentrum erreicht, und von dem man dann um Silvester herum wieder ausgespuckt wird, so dass man langsam wieder in ruhigere Gewässer trudelt. Bis man dann aber wieder wirklich bei Sinnen und orientierungsfähig ist, ist es plötzlich schon Februar. Mit anderen Worten: seit November wollte ich in diesem Blog vom State Festival berichten. Dieser Veranstaltungs-Neugründung in Berlin, die sich mit der Wissenschaft in künstlerischer Perspektive beschäftigt und bei der ich im letzten Jahr das große Vergnügen hatte, das Projekt WissensARTen vorzustellen.

Angesichts des großen zeitlichen Verzuges werde ich mich kurz fassen und vor allem Bilder sprechen lassen. Zu sagen ist aber in jedem Fall, dass es den Veranstaltern gelungen ist, eine inspirierende Mischung aus wissenschaftlichen Vorträgen, künstlerischer Reflexion, aus gelingenden Kooperationsprojekten zwischen Künstlern und Wissenschaftlern und erfahrbarer Kunst vor Ort zu kreieren, die das anwesende, sehr gemischte internationale Publikum zu vielseitigen Diskussionen rund um das Thema einer Begegnung von Kunst und Wissenschaft im Allgemeinen und um das Thema Zeit im Speziellen anregte.

Ich war insbesondere am Freitag in dem von Daniela Silvestrin kurierten STATE Forum vor Ort. Hier ging es in Podiumsdiskussionen um die Frage, wie Kunst und Wissenschaft sich begegnen können. Zunächst berichteten Paare kooperierender Künstler und Wissenschaftler von ihren Erfahrungen. Jenny Michel, die in Kürze hier auf Wissensarten vorgestellt wird, machte sich vor allem für das Potential der Kunst stark, Wissenschaft kritisch zu hinterfragen und einzuordnen, während andere Künstler vor allem ihre Begeisterung an der Leistungsfähigkeit der Wissenschaft und den Möglichkeiten, diese künstlerisch umzusetzen, zum Ausdruck brachten. Die anschließende Keynote von Michael-John Gorman zeigte am Beispiel der Science Gallery, wie Kunst als Medium genutzt werden kann um wissenschaftliche Inhalte für die Öffentlichkeit erfahrbar und zugänglich zu machen. In der abschließenden Podiumsdiskussion zur Möglichkeit einer “Dritten Kultur” ging es schließlich um Probleme und Chancen, die ein Zusammentreffen der naturwissenschaftlichen und der künstlerisch-geisteswissenschaftlichen Kultur bereithält. Von einer Podiumsdiskussion zu berichten, bei der man selbst mitgewirkt hat, ist aus verschiedenen Gründen ein recht schwieriges Unterfangen. Zumindest gab es im Anschluss an die von Teresa Dillon moderierte Runde, in der neben mir noch Carsten Hucho vom Paul-Drude-Institut, Christian de Lutz vom Art Laboratory Berlin und Joanna Hoffmann-Dietrich von der University of Arts in Poznan auf dem Podium saßen, einen lebhaften Meinungsaustausch, der sich noch lange nach Ende der offiziellen Podiumsdiskussion fortsetzte.

Es bleibt zu hoffen, dass die Einsicht in die Fruchtbarkeit einer dritten Kultur mittelfristig die starren disziplinären Grenzen, die unsere akademische Welt nach wie vor bestimmen, etwas aufzuweichen vermag. Eine gute Nachricht ist zumindest, dass das Projekt WissensARTen mit dazu beigetragen hat, im Feuilleton auf faz.net die Rubrik “Dritte Kultur” zu etablieren.

Abschließend möchte ich hier noch die subjektive Linksammlung weiterreichen, die ich vom STATE-Festival mitgebracht habe (die Auswahl begründet sich durch das zufällige Zustandekommen von Gesprächen auf dem Festival):

  • Alistair McClymont ist eine wirkliche Fusion aus Künstler und Wissenschaftler. Seine Werke sind durchzogen von wissenschaftlichem Verständnis und experimentellen Fertigkeiten. Besonders beeindruckend war für mich sein schwebender Wassertropfen:
    http://www.alistairmcclymont.com/
  • Wie sich herausstellte verbindet Vesna Petresin und mich ein gemeinsames Interesse am Cern. Sehr spannend ist, welche Projekte sie dort als Künstlerin umsetzt:
    http://www.rubedo.co.uk/
  • Dass ich das Konzert von John Kameel Farah aufgrund der Gespräche nach unserer Paneldiskussion verpasst habe, ärgert mich noch immer. In Zusammenarbeit mit dem Astrophysiker John Dubinski hat Kameel Simulationen zur Entstehung und Verschmelzung von Galaxien vertont:
    http://www.johnfarah.com/
  • Erfolgsmodell der künstlerischen Wissenschaftsvermittlung: die Science Gallery in Dublin:
    https://dublin.sciencegallery.com/
  • Einer der lebhaftesten Panelisten: der Künstler Luca Pozzi. Vor allem die Idee hinter seinen Werken “Supersymmetric Partner” ist überaus originell:
    http://www.lucapozzi.com/
  • Und alle Teilnehmer auf einen Blick:
    http://www.statefestival.org/participants/

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