Interview mit Jenny Michel

Ich besuche Jenny Michel in ihrem Atelier in Kreuzberg, das sich in einer ehemaligen Schule befindet. Das alte Backsteingebäude besitzt mit seinen hohen Fluren und langen Gängen noch immer die untergründig einschüchternde Atmosphäre, die Schulgebäuden so oft eigen ist, obwohl die Räume dieser Schule schon seit einigen Jahren zu Ateliers und Proberäume für Künstler umfunktioniert wurden. Sobald ich aber die Tür zu Jennys Atelier passiere, ändert sich die Stimmung und ich betrete eine helle, freundlich wirkende Welt, gefüllt von Kunstwerken, Materialien die noch zu solchen werden sollen und Werkzeugen, die dafür benötigt werden. Jenny kocht uns einen Kaffee bevor wir, an ihrem von ausgeschnittenen und durchbrochenen Papier- und Pappfragmenten übersäten Arbeitstisch sitzend, in einem langen Gespräch ihre Werke und die dahinterstehenden Gedanken diskutieren.

Inwiefern spielen neue Lebensformen und unbekannte, bewohnbare Welten eine Rolle in Deinem Werk?

© Andreas Pein

© Andreas Pein

Bei mir geht es insbesondere um den Blick auf unbeachtete Stoffe, Lebensformen oder auch Gedanken. Man kann das ganz gut an den Staubarbeiten sehen. Staub wird eigentlich als Dreck angesehen, aber ich hatte angefangen, die Staubflusen zu sammeln und aufzuspiessen wie Schmetterlinge, um den Blick auf andere Perspektiven zu lenken, so dass man auf die uns umgebende Welt anders blickt. Ich frage zum Beispiel: Was ist Leben, was ist Existenz? Muss es überhaupt ein Hirn besitzen, muss es denken können? Kann eine Staubfluse unter dem Bett auch so eine Art Existenz sein? Mich interessiert auch die Frage, woran man Leben festmacht. Es gibt ja von Ernst Haeckel diese Untersuchungen zum Seelenleben der Kristalle. Da beschreibt er ganz niedere Wachstumszyklen von Kristallen, die immer versuchen, die Balance herzustellen. Das ist, was ich interessant finde in Hinblick auf andere Planeten. Dieses Anderssein. Wie weit dieses Spektrum reichen könnte und inwieweit man gewillt ist, das auch anzuerkennen. Es ist ja oft so, dass man das Ergebnis erreicht, das schon vorher postuliert wurde. So würde man vielleicht einen Planeten, auf dem es keine erdähnlichen Bedingungen gibt und der aber trotzdem eine Art Existenz besitzt, gar nicht ins Visier nehmen. Vielleicht übersieht man dann was.

Der Erfolg der Wissenschaft begründet sich aber ja nicht zuletzt durch ihre Präzision, durch ihre starken methodischen Einschränkungen. Wie könnte man dem entkommen, so dass man nicht aufgrund dieser Einschränkungen etwas übersieht?

Es ist natürlich ein generelles Problem. Meiner Meinung nach ist die Welt einfach so komplex, dass es unmöglich ist, sie zu überblicken. Es gibt ja diesen Satz: je mehr man weiß, desto weniger weiß man. Das Faust Thema. Zum Schluss steht man wieder am Anfang oder sogar noch vor dem Anfang. Man weiß weniger als zuvor. Das halte ich für ein interessantes Thema und würde das auch so unterschreiben. Letztendlich ist die Gefahr, dass man sich als Wissenschaftler im Allgemeinen verliert, wahrscheinlich gar nicht so groß wie die Gefahr, dass man zu sehr ins Detail geht. Ich würde vorschlagen, dass den Wissenschaftlern immer Philosophen zur Seite gestellt werden sollten, die einfach nur dazu da sind, all diese moralischen, ethischen aber auch ontologischen Fragen in die Wissenschaft hineinzubringen.

In Deinen Arbeiten greifst Du häufig auf wissenschaftliche Darstellungsformen zurück. In der Betrachtung Deiner Werke kommt man nicht umhin, sich Gedanken über Wissenschaft zu machen. Wie stark siehst du selbst diese Ebene? Inwiefern ist Deine Kunst eine Aussage über Wissenschaft?

© Andreas Pein

© Andreas Pein

Ich habe mich ziemlich lange mit wissenschaftlichen Ästhetiken beschäftigt. Eine der allerersten Arbeiten, die ich in dieser Richtung gemacht habe, ist zum Beispiel der Seelenatlas. Ich hatte damit gearbeitet, die Seele als Parasiten des Körpers darzustellen. Daraufhin habe ich die biologisch-medizinischen Sachverhalte studiert, zusammen mit einem philosophischen Überblick über die Geschichte der Seele. Es gibt bereits in der Antike Vorstellungen, dann weiter über Descartes bis in die Moderne. Ich fand es interessant, Begriffe zu nehmen, die jeder benutzt, wie zum Beispiel “Seele”, die einen wissenschaftlichen und einen religiösen Anteil besitzen, und das Ganze dann umzukippen zu versuchen und von einer anderen Seite zu betrachten. Um die Wahrnehmung zu schärfen. Letztendlich geht es in meiner Arbeit ganz stark um die Hinterfragung von konventionellem Denken, und da spielt die Wissenschaft so wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen wird, eine große Rolle. Der berühmte Satz: “die Wissenschaft hat festgestellt”, und dann ist alles klar. Dinge, die oftmals vereinfacht in der Gesellschaft aufgenommen werden, und dann zu unumstößlichen Glaubenssätzen führen, die Jahrhunderte überdauern.

Geht es Dir also um einen Pluralismus? Um die Vorstellung, dass man unsere Welt auf viele verschiedene Weisen sehen kann, die alle ihre eigene Berechtigung haben?

Es geht in diese Richtung. Es ist aber auch nicht immer mit einer Wissenschaftskritik verbunden. Es gibt zum Beispiel eine Reihe von Schlafarbeiten, die ich gemacht habe, die die Frage behandelt was im Schlaf passiert in Hinsicht auf den Raum, also die physikalische Welt, die uns umgibt. Verändert sich der Raum wenn man aufwacht? Was ist Schlaf? Was bedeutet das? Weiterhin gibt es auch eine Arbeit, die sich mit den “Sleep Nuggets”, beschäftigt, den “Schlaf”, den man am Morgen oftmals in den Augenwinkeln findet. Diese gesammelten Sleep Nuggets wurden dann beispielsweise in Petrischalen präsentiert, wie Versuchsobjekte. Es regt zur Überlegung an, was diese Substanz eigentlich bedeuten könnte, in wieweit sie mit dem Schlaf oder auch dem Traum verschränkt ist. Dabei geht es gar nicht einmal darum, wirklich etwas darin zu finden, ein Resultat zu erzielen, sondern eher darum, inne zu halten und zu hinterfragen womit man sich tagtäglich beschägtigt, aber auch, was man einfach so ungefragt hinnimmt. Man tendiert ja oft dazu, Dinge als gegeben hinzunehmen und nicht weiter zu hinterfragen, dabei könnte aber auch alles ganz anders sein. Wenn man bedenkt, wie viele angebliche Fakten sich im Laufe der Geschichte als Irrtümer herausgestellt haben, halte ich es für notwendig, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, dass Dinge vielleicht ganz anders sein könnten, als sie uns erscheinen.

Geht es auch darum, die Wissenschaft wieder mehr mit der Alltagswelt zu verknüpfen und den Blick zu lenken auf die “Wunder der uns umgebenden Welt”?

Ob man von “Wundern” reden sollte, weiss ich nicht. Ich würde eher sagen: die Augen öffnen für eine gewisse Absurdität und Skurilität der Welt, die oftmals einem eingeschliffenen, konventionellen Denken entgegen wirkt. Man tendiert dazu, in bestimmten Schienen zu denken, und Eindrücke, die neu dazukommen, werden dort eingepflügt, dadurch aber – so kommst es mir vor – oftmals etwas verschoben. Um allein eine 30 Grad Wendung zu machen, bedarf es schon sehr viel Kraft, weil man wieder ganz neu ansetzen muss. Ich stelle mir das jedenfalls so vor, dass es viel schwerer ist, eine ganze Forschungsreihe über den Haufen zu werfen, als eben weiter in die gleiche Richtung zu gehen. Und der Gesellschaftsapparat ist ja noch viel träger, es dauert ja viel länger bis da mal umgedacht wird. Zumindest die Möglichkeit für dieses Umdenken aufzuzeigen, das sehe ich in meiner Arbeit. Das Thema, mit dem ich mich aktuell beschäftige, dreht sich um die Schönheit des Mülls. Das hat ziemlich viel mit Wissenschaft zu tun.

Inwiefern?

Die Arbeit besteht aus Vehikeln, wie Schiffe auf einem Schiffsfriedhof. Diese sind gestrandet und erstickt durch ihre eigenen Konstruktionspläne, mit denen sie übersät sind. “Paradise Vehicels“, liegengeblieben auf dem Weg ins Paradies. Es gibt diesen Absatz bei Walter Benjamin über den Engel der Geschichte, der den Rücken zum Paradies gewandt hat und der Vergangenheit entgegenblickt. Er sieht einen Trümmerberg von Katastrophen vor sich auftürmen. Aber es gibt einen Wind vom Paradies, der ihn immer weiter zum Paradies treibt, und den Walter Benjamin als Fortschritt beschreibt. Ausgehend von diesem Text begann ich meine Arbeit zum Thema Müll, eine erste Idee war dabei, diesen Trümmerberg aufzuzeigen. Das könnte natürlich auch ein Trümmerberg von wissenschaftlichen Entdeckungen und Konventionen sein. Zerbrochene, liegengebliebene Modelle wissenschaftlicher Entdeckungen, die durch die Last der Komplexität ihrer eigenen Konzepte erstickt sind.

Der Fortschritt treibt den Engel in Richtung des Paradieses. Gibt es eine Brücke zwischen der Idee des Paradieses und der Suche nach unbekannten Welten?

© Andreas Pein

© Andreas Pein

Ja, beides ist ein Möglichkeitsraum, was es auch so spannend macht. Das Spannende am Paradies und an erdähnlichen Planeten ist ja, dass wir gar nicht wissen, wie es da aussieht. Das heißt, man kann sich das ja ganz schön vorstellen. Wenn man dann aber endlich einen solchen Planeten gefunden hat, sieht er vielleicht öde und leer aus und es gibt nichts als ein paar kleine Algen, die darauf herumkriechen. Das ist dann natürlich erstmal eine riesige Enttäuschung. Das gleiche mit dem Paradies: das Tolle am Paradies ist ja, dass es nicht erreichbar ist, sonst wäre es kein Paradies mehr. Es kann gar nicht so schön sein, wie man es sich vorstellt, es wird immer von der Realität eingeholt. Genauso mit der Suche nach anderen bewohnbaren Planeten. Für mich ist es vor allem deshalb spannend, weil sie immer nur am Horizont winken. Eine romantische Idee von Sehnsucht.

Dein Anliegen, die eigene Perspektive zu hinterfragen, hat ja zwei Ebenen: Es kann ein Appell an die Wissenschaftler selbst sein, auf der andern Seite aber auch an die Öffentlichkeit, sofern sie wissenschaftliches Wissen als konventionelles Denken übernimmt und das hinterfragen sollte.

Meine Arbeit ist natürlich für die breite Masse gemacht. Ich spreche mit meinen Arbeiten erstmal keine Wissenschaftler an. Letztendlich geht es weniger um die Hinterfragung der Wissenschaft, als vielmehr um die Hinterfragung eines Bildes der Wissenschaft, so wie sie in der Gesellschaft aufgenommen wird.

Man würde ja denken, dass die primäre Gefahr heute gar nicht mal so sehr ist, dass sich die Wissenschaft zu stark durchsetzt, sondern stattdessen andere radikale Glaubenssysteme.

Ich glaube, das hängt auch damit zusammen wo wir uns gerade befinden. Europa ist sehr stark von Wissenschaft und Wissen geprägt, das hat eine lange Tradition. Wenn ich woanders leben würde, würde ich vielleicht eine andere Arbeit machen. Aber hier, finde ich, gibt es eine ganz starke Wissenschaftsgläubigkeit, und die Tendenz in wissenschaftlichen Vereinfachungen zu denken. Das stört mich. Und wahrscheinlich muss es auch jeden Wissenschaftler stören.

Deine Arbeitsmethode wirkt relativ wissenschaftlich. Du sammelst viele Informationen, erstellst ein Konzept.

Mir ist es wichtig, dass in meiner Arbeit alles ineinandergreift. Es gibt mehrere Ebenen. Man kann das zum Beispiel am Pulvarium, am Staubsammelsurium, erklären. Das funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Die erste Ebene ist das Objekt an sich. Man hat eine Wandarbeit aus 40 Museumskästen aus dem Naturhistorischen Museum. Wenn man näher hinguckt sieht man: es ist Staub. Wenn man noch näher hinschaut sieht man, dass es auch ein tatsächliches Kategorisierungssystem gibt. Das heißt, jedes von diesen Stäuben hat tatsächlich ein eigenes Label, ein Etikett, das nach dem gängigen Linnéschen System beschriftet ist. Es gibt, soweit ich weiß, die Regel, dass der Erstentdecker einer Art auch das Recht der Namensgebung hat, wobei die Endung sich nach dem Linnéschen System richtet. Insofern haben wir dann nach morphologischen Grundlagen Namen entwickelt und diese von einem Lateinlehrer ins Lateinische übersetzen lassen. Man kann das also auch lesen, und was man da liest, erschließt noch einmal eine andere Ebene und erzählt auch Geschichten. Wo der Staub gefunden wurde zum Beispiel. Es gibt “graniculum vinylum”, also Staub von einem Schallplattenspieler entnommen. Auf diesen Ebenen funktionieren eigentlich alle meine Arbeiten. Es gibt zum Schluss immer auch eine lesbare, eine textliche, theoretische Ebene. Man kann so immer tiefer hinein zoomen. Daran merkt man, dass es wahnsinnig viel Theorie gibt. Ich habe zum Beispiel keine Skizzenbücher, sondern Notizbücher, mit allen möglichen Theorien. Und es geht tatsächlich auch um diese Theorien.

Woher kommen die Theorien?

Die entwickeln sich, weil ich Sachen interessant finde, wie zum Beispiel den Schlaf in den Augen. Es ist keine wissenschaftliche Theorie, aber ich stehe irgendwann vor dem Spiegel und denke: Wo kommt eigentlich dieser Schlaf her? Was bedeutet das, oder was könnte er bedeuten?

Am Anfang steht also eine Frage, und wie sieht dann die weitere Arbeit aus?

Es ist wie eine Art Philosophie. Ohne dass man wissenschaftlichen Restriktionen zu folgen hat. Ein freies Analogien-Bilden von verschiedenen Systemen, die zusammengebracht werden und dann hoffentlich eine Veränderung des Blickwinkels beim Betrachter bewirken.

Tatsächlich arbeitet die Wissenschaft ja auch viel mit Analogien, die als heuristische Hilfsmittel genutzt werden. In der Wissenschaft kann man aber relativ leicht sagen, ob eine Analogie funktioniert oder nicht. Wie funktioniert das bei künstlerischen Projekten?

Es muss natürlich nicht in dem Sinn “funktionieren” wie innerhalb einer wissenschaftlichen Forschung. Das Wichtige ist für mich, dass die Analogie interessant genug und in sich stimmig ist.

Woran macht sich das fest?

Zum Beispiel Staub aufzuspießen wie Schmetterlinge. Das ist ein Beispiel dafür, wo zwei Sachen zusammengebracht werden, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben, aber sich gegenseitig in ihren Aussagen verstärken. Das Erhöhen des Staubs, der aufgespiesst wird, ist eine Aussage. Aber die nächste Aussage ist: Was machen wir da eigentlich? Wir spießen Insekten auf und kategorisieren sie. Sie werden getötet und dann in ein Klassifizierungssystem gepresst, das wir uns irgendwann einmal ausgedacht haben, was aber gar nicht stimmen muss. Es ist ja auch tatsächlich so, dass auf der Grundlage der genetischen Codes vielleicht ganz andere Systeme notwendig sind, als die, die früher nur durch morphologische Kriterien aufgestellt wurden.

Was ist es, das Kunst erforscht? Sind es Dinge in der Welt? Oder geht es darum, den Betrachter auf etwas Neues zu bringen?

© Andreas Pein

© Andreas Pein

Ich kann nur von meiner Kunst reden und ich fühle mich tatsächlich als eine Art Philosoph oder vielleicht auch Chronist. Allerdings ohne die Restriktionen, die man als wissenschaftlich arbeitender Philosoph hat. Ich kann einfach Sachen erforschen. Ich sage “erforschen”, meine das aber in philosophischer Hinsicht. Bei der Arbeit “sleepers in paradies” geht es zum Beispiel um Einschlafhalluzinationen. Ich habe mir Gedanken gemacht, was das sein könnte. Das hat eine wissenschaftliche Komponente, eine psychologische, eine philosophische. Es hat auch eine religiöse Komponente, wenn noch der Paradiesgedanke hinzukommt, also, ob diese Halluzinationen paradiesische Zustände darstellen. Die Grundidee für die Paradiesarbeiten war dabei: Wie wäre es, wenn man es zum Kollabieren bringt, indem man es zuschießt mit Informationen. Dabei merkte ich, dass das eigentlich schon längst passiert ist: etwas, was eigentlich unvorstellbar sein sollte, wie das Paradies, wird nun schon seit Jahrhunderten permanent visualisiert – also “informiert” – bis zu einem Punkt, wo sich ein bestimmtes Bild tief in unser Denken eingeprägt hat. Das heißt, wir haben ziemlich konkrete Vorstellungen, wie so ein Paradies auszusehen hat. Und so kam es zu dem Gedanken: Wie wäre es, wenn man das Paradies so richtig zumüllt, bis kein Platz mehr ist, bis es kollabiert Das Paradies wird so zur Wunderkammer menschlicher “Müll”-Gedanken, Artefakte unseres Geistes. Auf diese oder ähnliche Weise kommen immer neue Ideen hinzu, die ich dann einbaue oder auch nicht. Die Arbeit verändert und entwickelt sich dadurch allmählich.

Wie ist das Verhältnis zwischen Kunst und Wissenschaft? hat die Kunst der Wissenschaft etwas voraus?

Es ist natürlich etwas vermessen, Kunst und Wissenschaft auf diesem Level miteinander zu vergleichen. Was das Bilden und Verbreiten von Theorien betrifft, ist es in der Kunst natürlich einfacher, schneller zu einem Ergebnis zu kommen. Das heißt, ich kann heute eine Theorie aufstellen, diese morgen zu Blatt bringen, und wenn ich berühmt genug bin, sieht es dann die ganze Welt. Allerdings bleibt diese immer einer künstlerische Theorie, sei sie auch noch so wissenschaftlich angehaucht und wird eben auch nicht so ernst genommen. Man ist als Künstler immer ein bisschen der Joker, der Clown.
Des weiteren wäre vielleicht noch die Rolle der Imagination zu nennen. Das heißt, als Künstler soll, darf oder muss man aus sich heraus schöpfen, seinen eigenen Kosmos zu Papier bringen, was dann allerdings wiederum die Wissenschaft inspirieren kann. Wenn ich hier von Kunst spreche, meine ich dabei einen erweiterten Kunstbegriff, wozu zum Beispiel auch das Medium Film gehört. Es soll ja durchaus Beispiele geben, wo Filme Wissenschaftler inspiriert haben. Vielleicht gibt es eine solche gegenseitige Beeinflussung öfter als man denkt, wo eben auch künstlerische Theorien aufgegriffen werden. Ich weiß es nicht. Das muss ein Wissenschaftler sagen, inwiefern es von dieser Seite tatsächlich eine Beeinflussung gibt. Dass Wissenschaft Kunst beeinflußt, ist wohl unumstritten.

Wissenschaftler tendieren ja dazu, die Kunst illustrierend zu denken. Kunst also als Mittel zur PR zu sehen, als eine Brücke zur Öffentlichkeit.

So ist es ja auch ganz oft. Aber es soll auch in die andere Richtung gehen, und ich glaube, es geht auch in die andere Richtung. Ich denke, dass es viele Fälle gibt, wo Künstler Theorien gebildet haben, die dann von Wissenschaftlern umgesetzt wurden. Wenn man in die Geschichte schaut, ist vielleicht Leonardo da Vinci das naheliegende Beispiel.

Aber im Vergleich zu damals sind die Disziplinen heute ja relativ separiert. Haben Wissenschaftler und Künstler viel Kontakt miteinander?

Eigentlich nicht. Ich finde es schade. Wenn ich einen Wissenschaftler treffe, oder sie mich, dann sind das zwei entgegengesetzte Welten, die erstmal nichts miteinander zu tun haben. Und dann vielleicht aber doch viel mehr, als man denkt. Du hast ja die Analogienbildung des Forschens angesprochen. Es wäre wünschenswert, dass es mehr Austausch gibt. ich denke auch, dass von beiden Seiten ziemlich viele Vorurteile herrschen. “The mad scientist” oder andersherum die verrückten Künstler, die ja nicht wirklich ernst genommen werden von der Wissenschaft. Auf der einen Seite ist es natürlich schon so, dass Kunst gewissermaßen Luxus ist. Auf der anderen Seite ist es vielleicht auch eine Notwendigkeit, die man erst dann bemerkt, wenn es keine Kunst mehr gäbe. Dass dann etwas bestimmtes fehlt.

Was würde fehlen?

Es gibt diesen Film “The Invention of Lying”. Es ist ein ziemlich konventioneller Film, aber die Ausgangssituation ist interessant. Wie sähe eine Welt aus, in der es keine Imagination gibt? Das ist ziemlich skurril, denn dann fällt sehr viel weg. Man denkt: wenn es keine Kunst gibt, dann gibt es halt nur ein paar Bilder nicht mehr. Aber dann gibt es zu Beispiel auch diese künstlerischen Darstellung von Weltallszenerien nicht. Diese erfordern ja auch Imagination. Es würden die gesamten Filme wegfallen, die Literatur, alles was kreativ schöpferisch ist.

Ist das wissenschaftliche Vorgehen nicht auch sehr künstlerisch und kreativ?

Ja, wahrscheinlich, obwohl ich da natürlich wenig Einblicke habe. Auf der anderen Seite ist eine künstlerische Herangehensweise an sich vielleicht auch schon wissenschaftlicher als man gemeinhin annimmt. Und kann vielleicht durchaus auch eine Inspirationsquelle für die Wissenschaft sein. Ich denke, es gibt dieses Ineinandergreifen durchaus, das könnte es natürlich noch mehr geben.

Du hast schon ein paar Mal die Philosophie erwähnt: Wäre die Philosophie eine Zwischenebene zwischen Wissenschaft und Kunst?

© Andreas Pein

© Andreas Pein

Für mich ja. Aber ich arbeite auch sehr theoretisch und die Philosophie ist auch wieder ein weites Feld. In meinem Fall heißt Philosophie, Fragen zu stellen: Was ist das alles überhaupt? Was ist das, was wir hier sehen? Woraus besteht unsere Existenz? Was ist ein Paradies? Beim Paradies wird es am deutlichsten. Dadurch, dass ich die Frage stelle: was passiert wenn man das Paradies zum Kippen bringt, muss ich natürlich alles andere auch aufrollen. Was ist das Paradies eigentlich? Wo ist es situiert? Welche philosophische Vorstellungen gibt es davon? Und dann kommt tatsächlich die Wissenschaft mit ins Spiel. In den sieben Künsten gehörte das ja ursprünglich zusammen: Philosophie, Mathematik und eben auch die Kunst. Deshalb denke ich: ja, die Philosophie könnte dazwischen stehen. Wobei natürlich die Philosophen wahrscheinlich ihre eigene Geschichte dazu haben. Ich kann nur von mir ausgehen, und ich würde sagen: Ich beschäftige mich mit philosophischen Fragestellungen.

Tatsächlich sind Deine Arbeiten ja auch durchaus wissenschaftsphilosophisch. Auch die Wissenschaftsphilosophen haben versucht, zu zeigen, dass Wissenschaft stark beeinflusst ist durch das Ideengefüge, in das wir alle eingebettet sind.

Genau, und so sehe ich meine Arbeit. Nur mit dem Unterschied, dass ich das eben künstlerisch umsetze, visualisiere und frei von irgendwelchen Restriktionen ausbreiten kann. Und keiner sagt: “Nein, das stimmt jetzt aber nicht”.

Ist das der Hauptunterschied zwischen Philosophie und Wissenschaft auf der einen Seite und Kunst auf der anderen Seite?

Ja, ich denke schon. Man ist befreit von diesen Restriktionen. Vor meinem Kunststudium habe ich Literaturwissenschaften studiert und hatte da gemerkt, wie stark dieses Regelwerk des wissenschaftlichen Arbeitens greift. Ich hatte immer ganz viele Ideen, aber es musste alles herangeführt und immer am Text festgemacht werden. Ich fand das total einengend und es hat mich auch behindert, wirklich weiter zu kommen. Es ist wohl notwendig, um diese Stimmigkeit bzw. Präzision zu erreichen, die innerhalb der Wissenschaft unabdingbar ist. Aber es hat eben diese Zähigkeit und Langsamkeit, die diesen ganzen Apparat durchzieht. Zusätzlich muß dann noch geschaut werden, was es für Publikationen zu der Frage gibt, dann muss es wahrscheinlich durch ganz viele Gremien, und Geld muss es auch noch geben.

In der Kunstwelt gibt es keine Regeln, Restriktionen, Zwänge?

Natürlich gibt es auch innerhalb der Kunstwelt gewisse Regeln. Das System ist nur viel durchlässiger. Auch hier braucht es oft Zähigkeit, um zu einem bestimmten Ziel zu kommen, allerdings spielen auch Glück und andere Faktoren eine große Rolle. Zusätzlich gibt es so viele Bereiche in der Kunstwelt, innerhalb derer man sich in unterschiedlicher Weise positionieren kann, sodaß ein allumfassendes Regelwerk tatsächlich kaum Sinn macht. In dieser Hinsicht generiert das natürlich einen sehr großen Freiraum, da man weiß, und auch immer wieder die Erfahrung macht, dass es am besten ist, wenn man seiner Arbeit, seinem Weg treu bleibt und sich nicht zu viel Vergleichen aussetzt. Natürlich gibt es darüber hinaus Tendenzen innerhalb der Kunst. Arbeiten, die sich gut verkaufen beispielsweise, sind nicht unbedingt die gleichen Arbeiten, die große Preise gewinnen oder auf den wichtigen Ausstellungen zu sehen sind.

Richtet man sich nicht danach?

Die Kunstwelt und besonders der Kunstmarkt ist natürlich sehr hart und es besteht wohl oftmals die Gefahr, dass man unter Wettbewerbsdruck gerät und so Entscheidungen trifft, die vielleicht nicht ganz so gut für die eigene Arbeit sind. Im künstlerischen Alltag ist es auch manchmal schwer, seinem eigenen Weg treu zu bleiben, auch wenn klar ist, dass das eigentlich immer der Vorsatz sein sollte. Trotzdem ist man täglich so vielen Einflüssen ausgesetzt, dass man sich auch immer wieder vergegenwärtigen muß, seinen “roten Faden” nicht zu verlieren. Natürlich ist ein gewisser Grad an Beeinflussung gar nicht zu vermeiden und kann sich durchaus auch positiv auswirken, man entwickelt sich ja auch weiter durch das Aufnehmen und Verarbeiten der verschiedensten Eindrücke, denen man täglich ausgesetzt ist. Im Gegensatz zur Wissenschaft funktioniert das Kunstsystem jedoch zu vielfältig um Regeln aufzustellen, nach denen man sich richten kann, um beispielsweise ein erfolgreicher Künstler zu werden. Nicht dass genau das immer wieder versucht wurde, und vielleicht auch für den ein oder anderen zum Erfolg geführt hat, trotzdem glaube ich an die Freiheit in der Kunst und den Glauben an die eigene künstlerische Position.

Bestimmen letztendlich also die Jurys von Preisen über den Erfolg oder spielt dabei auch die Öffentlichkeit eine Rolle?

Es gibt natürlich Publikumspreise bei allen Wettbewerben, das wäre so etwas. Diese unterscheiden sich oftmals durchaus von den Positionen, die von der Jury nominiert werden. Dadurch erkennt man natürlich eine gewisse Diskrepanz, die vielleicht etwas mit Sehgewohnheiten zu tun hat. Allerdings ist der Weg über Preise und Förderungen ja nicht der einzige innerhalb der Kunstwelt. Man muß an dieser Stelle natürlich vor allem fragen, was Erfolg in der Kunst eigentlich bedeutet. Ruhm und Ehre und finanzieller Erfolg, aber auch persönlicher Erfolg sind ja nicht unbedingt deckungsgleich. Wie schon erwähnt, kann man durchaus finanziell sehr erfolgreich sein ohne jemals mit einem Preis ausgezeichnet zu werden. Auf der anderen Seite sind Preise kein Garant dafür, dass man auch wirklich von seiner Kunst leben kann. Letztendlich sollte aber doch der ausschlaggebende Punkt sein, wie sehr man selbst mit dem Ergebnis zufrieden ist, wie stimmig es für einen selbst ist. So gilt auch hier wiederum: Jeder muß seinen eigenen Weg finden.

Morgen Treffen wir die Astrophysikerin Barbara Stracke. Gibt es etwas, das Du sie fragen willst?

Es wäre interessant, sie zu fragen, was für Leben im Universum erwartet wird. Wie so eine Existenz aussehen könnte. Ich hatte in meiner Kindheit Star Trek geschaut, und da werden ja immer alle möglichen Lebensformen vorgestellt, bzw. durchexerziert. Bis zu dem Punkt, wo eine mögliche Existenz nur noch aus Lichtern oder Nebeln besteht, oder auch nur noch ein Gedanke oder Antimaterie ist. Ich fand das damals alles sehr faszinierend, jedes Kind will ja wahrscheinlich Astronaut werden. Aber für mich war tatsächlich auch interessant, diese Enttäuschung zu erfahren, wenn man sich dann als Teenager fragt: was macht man eigentlich als Astronaut oder als Astrophysiker? Und merkt, dass das alles sehr wenig mit Weltraumabenteuern zu tun hat. Die Frage, die ich interessant fände an die Wissenschaftlerin, wäre, ob es da auch so einen Kindheitstraum gab. Warum wird man Astrophysikerin?

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