Treffen mit Jenny Michel

© Andreas Pein

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In Gläsern eingelegt schweben in einer wässrigen Flüssigkeit milchig-durchsichtige Kreaturen, in fragilen Verästelungen in sich selbst verschlungen, und geben in ihrer feinsäuberlich konservierten Fremdartigkeit Rätsel auf. Woher kommen diese Wesen? Was ist ihr natürlicher Lebensraum? Was ihre Lebensweise? “Paradise Creatures” hat Jenny Michel in Kollaboration mit Michael Hoepfel diese Wesen genannt, die momentan in einem Regal ihres Ateliers ihr Dasein fristen. “Bei mir geht es insbesondere um den Blick auf unbeachtete Stoffe, Lebensformen oder Gedanken. Ich frage zum Beispiel: Was ist Existenz, was ist Leben? Muss es ein Hirn besitzen, muss es denken können? Das ist, was ich auch interessant finde in Hinblick auf andere Planeten. Dieses Anderssein. Wie weit dieses Spektrum reichen könnte und inwieweit man gewillt ist, das auch anzuerkennen,” beschreibt Michel ihre Faszination an fremden Lebensformen.

Die Durchbrechung eingeschliffener Denkmuster ist ein wichtiges Motiv in Michels Arbeiten, die beim Betrachter den Blick zu öffnen versuchen für neue Perspektiven und ungewohnte Ansatzpunkte. Dahinter steht die Überzeugung, dass es nicht die eine, korrekte, nicht mehr weiter zu hinterfragende Welterklärung gibt: “Meiner Meinung nach ist die Welt einfach so komplex, dass es unmöglich ist, sie zu überblicken. Es gibt ja den Satz: je mehr man weiß, desto weniger weiß man. Das Faust Thema. Zum Schluss steht man wieder am Anfang oder sogar noch vor dem Anfang. Man weiß weniger als zuvor.” Diesem Pluralismus kann man sich mit Michel nähern, indem das hinterfragt wird, was auf den ersten Blick am vertrautesten wirkt. So vertraut, wie beispielsweise die Staubflusen, die praktisch jede Wohnung bevölkern, und die von Michel und Hoepfel morphologisch geordnet und nach dem Linnéschen System mit lateinischen Namen beschriftet in naturkundlichen Schaukästen als “Pulvarium” aufgespießt wurden. Die Lateinischen Namen liefern dabei eine textliche Ebene, die weitere Informationen dafür liefert, den Kosmos der Staubwesen zu erkunden. “Graniculum Vinylum” ist beispielsweise nach dessen Entdeckungsort, dem Schallplattenspieler, benannt. “Es gibt zum Schluss auch immer eine textliche Ebene. Man kann so immer tiefer hinein zoomen. Daran merkt man, dass es wahnsinnig viel Theorie gibt. Ich habe zum Beispiel keine Skizzenbücher, sondern Notizbücher”, erläutert Michel.

© Andreas Pein

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In ihrer Arbeit sieht sie selbst Ähnlichkeiten zu der Arbeit als Philosophin oder auch als Chronistin: “Es ist wie eine Art Philosophie, ohne dass man wissenschaftlichen Restriktionen zu folgen hat. Ein freies Analogien-Bilden von verschiedenen Systemen, die zusammengebracht werden und dann hoffentlich eine Veränderung des Blickwinkels beim Betrachter bewirken.” Das primäre Interesse, das Michel an der Wissenschaft hat und das in einer vielfachen Verwendung wissenschaftlicher Darstellungsweisen in ihren Werken zum Ausdruck kommt, ist entsprechend das Interesse am Bild der Wissenschaft, wie es in der Gesellschaft existiert und unser Denken prägt: “Letztendlich geht es in meiner Arbeit ganz stark um die Hinterfragung von konventionellem Denken, und da spielt die Wissenschaft, so wie sie in der Gesellschaft wahrgenommen wird, eine große Rolle.”

Die Einflüsse, die Wissenschaft auf die jeweils akzeptierte Weltsicht hat, und die langsamen Veränderungen, denen unsere Weltsicht dabei unterworfen ist, lassen sich besonders deutlich sehen, wenn man den Blick in die Vergangenheit schweifen lässt. Michel greift diese Perspektive in ihrem aktuellen Werk “Paradise Vehicels” auf, in dem sie an Walter Benjamins Engel der Geschichte anknüpft, der mit dem Rücken zum Paradies gewandt der Vergangenheit entgegenblickt. Was dieser Engel sieht, bevölkert Michels Atelier als Schiffswrack-ähnliche Objekte, die wie vom Zerfall zerfressen und zerlöchert, übersät mit technischen Zeichnungen, Bauplänen und peniblen Beschriftungen, offensichtlich manövrierunfähig zurückgelassen wurden. “Der Engel der Geschichte sieht natürlich auch den Trümmerberg von wissenschaftlichen Entdeckungen und Konventionen. Zerbrochene, liegengebliebene Modelle wissenschaftlicher Entdeckungen, die durch die Last der Komplexität ihrer eigenen Konzepte erstickt sind.” Das Paradies, auf das sich der Engel der Geschichte, gezogen durch den Wind des Fortschritts, zubewegt, kann dabei wiederum mit den Vorstellungen unbekannter Lebenswelten im Universum zusammengebracht werden. “Beides ist ein Möglichkeitenraum, was es auch so spannend macht. Das Spannende am Paradies und an erdähnlichen Planeten ist ja, dass wir gar nicht wissen, wie es da aussieht. Es kann aber gar nicht so schön sein, wie man es sich vorstellt, es wird immer von der Realität eingeholt”, beschreibt Michel und verweist auf die künstlerischen Darstellungen, die typischerweise in den Medien anlässlich von Planetenentdeckungen verbreitet werden, und auf denen “Zwillingserden” übersät mit Regenwald, Flüssen und Seen dargestellt werden.

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In Michels Arbeiten, insbesondere den Werken “Paradise Creatures” und “Pulvarium”, existiert aber neben der Ebene, die sich auf unsere Denkformen und unsere Erwartungen richtet, noch eine weitere Ebene: die Frage nach den Motivationen und Folgen des menschlichen Forschungsdranges. Die neuentdeckten Lebensformen werden in diesen Werken eingelegt und aufgespießt, kategorisiert und zur Schau gestellt. Michel sieht darin zum einen Ausdruck von Eitelkeit als wichtiger Triebfeder menschlichen Handelns, zum anderen eine Tendenz des Besitzenwollens, die historisch beispielsweise im 17. und 18. Jahrhundert im Import exotischer Pflanzen und Tiere für Zoos und Orangerien deutlich wurde. Um der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaftler entgegen zu wirken und deren Blick so aufzuweiten, dass auch derartige Meta-Reflexionen wieder in die Wissenschaft Eingang finden, hat Michel einen pragmatischen Vorschlag: “Ich würde vorschlagen, dass den Wissenschaftlern immer Philosophen zur Seite gestellt werden sollten, die nur dazu da sind, all diese moralischen, ethischen aber auch ontologischen Fragen in die Wissenschaft hineinzubringen.”

 

Hier ist das komplette Interview zu lesen.

 

 

Ein Kommentar

  1. Welch spannende Gedanken, welche Streifzüge in vielerlei Richtungen… Die Creatures können sich mit den besten Arbeiten im Ars Electronica- Museum in Linz messen, und viel Gesagtes lädt ein, einmal wieder bei den Großen der Science Fiction nachzulesen, etwa in Stanislav Lem´s „Der Unbesiegbare“- denn Leben muß nicht notwendigerweise lebendig sein; oder in Arthut Clarkes “ A meeting with Medusa“. Auch die Kreaturen, die zunehmend aus der Tiefseeforschung aufsteigen, legen uns nahe, auf Überraschungen aller Art gefasst zu sein- und da ist der Blick auf Jenny Michels Werke eine schöne Arbeitshilfe.

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